Mythen

5 Mythen über die Fotografie mit einer Leica M




Fünf (antiquierte) Mythen über die Leica Messsucherfotografie




Das Internet ist eine tolle Sache. Und obwohl das Internet auch eine relativ moderne Geschichte ist, transportiert das Internet häufig Ansichten und Meinungen, deren Grundlage bereits Jahrzehnte zurückliegen. Auch in der Fotografie herrschen solche Ansichten, die sich häufig verselbstständigen und eine Art Selbstläufer werden, auch außerhalb des Web.
Über solche Mythen der Fotografie möchte ich hiermit sprechen, genauer gesagt über die Leica M und das Fotografieren mit Messsucher.

1. Leica M ist eine kleine Kamera.

Ist sie nicht. Die Leica ist sicherlich kompakter als Boliden moderner DSLR’s, ein Vergleich mit den analogen Klassikern á la Olympus Om-2 oder Minolta XD7 zeigt: Das Gehäuse ist nahezu gleich groß. Auch der Vergleich mit heutigen Spiegellosen ist ernüchternd: Die Leica M10 hat ein Gesamtvolumen von 989680m3 (139x80x89) bei einem Gewicht von 680 Gramm, im Vergleich dazu ist Sonys ILCE7 mit 573024mm3 und einem Grundgewicht von ca. 470gramm sowohl kleiner als auch leichter. Natürlich, das geringe Auflagemaß der Leica M lässt eine besonders kleine Bauweise bei den Objektiven zu, der aber auch nur bei Brennweiten bis 50mm zu tragen kommt. Jeder, der das Noctilux oder das 75iger Summilux kennt, weiß, dass Leica mit seinen M Linsen nicht nur kompakte Objektive bauen kann. Nicht falsch verstehen, die Leica ist so kompakt wie eine Vollformatkamera nur sein kann. Ein T5 ist auch so klein wie ein Bus nur sein kann. Und dennoch ist ein T5 kein kleines Auto.



Ein größenvergleich, Minolta XD7 und Leica M6

2. Mit einer Leica M lässt sich unauffällig fotografieren

Klar. Genauso unauffällig lässt es sich mit einem Porsche durch die Innenstadt von Buxtehude fahren. Leica M und das Design ist schon längst in der Popkultur vertreten (daher bringt das Abkleben des Logos auch nichts) und mit keiner anderen Kamera als der Leica wurde ich auf der Straße häufiger angesprochen. Das kann toll sein, weil man als Leica Nutzer bei anderen Leicaphilen schnell im Gespräch ist, unauffällig ist aber anders. Auch dieses Vorurteil stammt noch aus der Zeit, als japanische Hersteller ihre Profikameras immer größer werden ließen, und selbst nach der Ära des Films bedeutete eine Vollformatkamera vor allem eine große Kamera. Die Leica M9 behielt ihre kleinen Proportionen sogar mit Kleinbildsensor bei, so dass man tatsächlich behaupten konnte, sie ist die kleinste Kleinbildkamera der Welt. Soviel zum Design. Was aber den Messsucher betrifft, so muss, wer mit kleinen Blenden arbeitet, und daher auf den Zonenfokus verzichtet, fokussieren. Fokussieren kostet aber Zeit was wiederum die Unauffälligkeit nimmt. Viele Streetfotografen greifen mittlerweile lieber zur Q, und auch wenn sie durch ihr Design nach wie vor einen großen Wiedererkennungswert hat, lässt sich mit ihr doch wesentlich geheimer und schneller Fotografieren.



3. Eine Leica M ist ein Luxusobjekt

Okay. Dieser Punkt hat weniger mit dem Messsucher zu tun, statt vielmehr mit allen Leica Kameras und Objektive. Leica ist teuer, keine Frage. Aber nicht die Art von teuer wie ein vergoldetes Iphone oder ein Stück Leder um die Schulter eines namenhaften Taschenherstellers. Um die Preise des Herstellers zu verstehen, muss man die Produktion und Qualität verstehen. Leica produziert keine Massenwahre. Wer eine neue M10 möchte, muss sich auf eine Wartezeit einstellen, und wir haben es hier nicht mit einer künstlichen Verknappung wie beim Apfelhersteller zu tun, sondern mit viel Handarbeit und deutscher Genauigkeit deren Produktion auf Qualität und nicht auf Quantität abgestimmt ist. Und das hat seinen Preis, genauso wie Wiederverkaufswert und exzellenter Service. Eine Leica ist wie jede Kamera letztlich ein Instrument oder ein Werkzeug. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Stradivari wäre Luxus. Sie ist nicht nur so teuer, weil sie besonders selten oder alt wäre, sondern weil sie die am besten klingende unter den Violinen ist. Eine Leica ist kein Luxus, weil sie unter allen Kamera Herstellern am hochwertigsten verarbeitet ist und die Bildqualität allen anderen Überlegen ist. Ein Geigenbauer braucht auch mehrere Monate für ein Instrument, was sich im Preis aber auch in der Qualität niederschlägt. Aber dennoch würde kein vernünftiger Musiker auf die Idee kommen, ein solches Instrument, das auch gut und gerne mehrere tausend Euro teuer sein kann, als Luxus zu degradieren und lieber zur China Massenware greifen.


Tradition und Ingenieurskunst. Die Leica als Wertevermittler

4. Ohne Automatiken lässt es sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren

Ein Punkt, der vor allem den Leica Puristen geschuldet ist. Natürlich ist es wichtig, die Intelligente Automatik zu verlassen, um die Kamera sowie das Fotografieren im Allgemeinen verstehen zu können. Das macht eine Kamera mit Automatiken aber nicht zu einer schlechteren Wahl. Wer meint, er würde sich, nach dem er die Lichtverhältnisse gecheckt und das Messschieberfeldchen mittig platziert hat, besser auf das Motiv konzentrieren können, betrügt sich selbst. Klar, zurück zum Wesentlichen ist und kann ein Bestandteil einer schönen Fotografie sein. Hilfsmittel wie die Automatiken zählen aber nicht dazu. Tools wie Ibis, 43mpx, tausende Knöpfe oder sogar der Autofokus sind diskutable Luxuserscheinungen einer Kamera. Sie können aber sehr nützlich sein. Die Automatik jedoch ist ein Meilenstein der Fotografie, der am ehesten verstanden werden kann, wenn man eine Zeit lang ohne eine Zeitautomatik fotografiert. Ein Befreiungsschlag!




5. Digitale Leicas sind technisch schlechter als die Konkurenz

Ein Blick auf eine im Internet populäre Technikberatungsseite (benannt nach dem Singular einer frittierten Kartoffelscheibe) ist ernüchternd. Letzter Platz, die Leica M10. Eine Kamera, die preislich alle anderen übertrifft, ist schlechter als alle anderen. Kann das sein? Ja, wenn man Listen wie eben genannte vertraut. Während diese Listen ebenfalls kein Wort über die überragende Fertigungsqualität der Produkte aus Leitz verlieren, das unglaublich schöne Gefühl wenn es klickt ohne zu wackeln, wenn man den Fokus mit dem kleinen Finger bewegen kann ohne dass er lose ist, wenn die Kamera aus einem Block Aluminium in der Hand einem den Eindruck erweckt, man habe die Masse eines ganzen Universums in der Hand, lässt sich über die technischen Parameter durchaus streiten. Megapixel, Linien, Bilder per Sekunde, das lässt sich alles in Listen vergleichen. Bildqualität leider nicht, und so ist es schon fast tragisch, dass einem das wichtigste verfährt bleibt. Hat Leica also die beste Bildqualität im Kleinbild? Das ist subjektiv. Hat Leica die außergewöhnlichste Bildqualität? Auf jeden Fall. Ist die Kamera deswegen schlechter, weil sie keinen Bildstabilisator besitzt? Nein. Wer solchen Dingen einen hohen Stellenwert bemisst, verkennt diesmal wirklich das wichtigste, nämlich die Bildqualität. Wer das nicht versteht, kann ruhig seine Leica M Objektive an eine Sony adaptieren, das Maximum an Qualität werden sie nie erreichen.



Eine digitale Leica M(9). Großmutter der aktuellen M10, mit einzigartigen Bildern auch heute noch eine lustvolle Kamera


Was ist nun die Moral von dieser Geschicht? Nun, wir alle lieben die Messsucher von Leica. Obwohl das System deutlich seine Schwächen hat, verdankt Leica sein Überleben ausschließlich der M's, bis heute. Und das ist auch gut so, denn eine Leica ist nach wie vor ein Statement, dass der Besitzer nach außen gibt. Nur sollten wir alle aufhören, uns selbst zu belügen. Wir machen uns das Leben mit Messsucher nicht einfacher. Es ist eine Erfahrung, genauso wie es eine Erfahrung ist, mit dem Fahrrad andere Länder zu bereisen. Einfacher wird das ganze aber nicht. Viele Argumente hatten ihre Daseinsberechtigung, der Kameramarkt hat sich aber verändert, was bleibt sind häufig Marketingwirksame Phrasen, die uns das Weiterleben mit dem Messsucher schmackhaft machen sollen.



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